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Tipps & Tricks für ein effizienteres Studium

Hochschulreform

Du bist neu an der Universität – oder nicht?. Gerade Abi gemacht – und jetzt studieren? Oder immer noch studieren? Wozu willst du das? Schnell fertig werden, viel Geld verdienen, besser werden als alle anderen? - Dann bist du hier richtig. Was studierst du? BWL, Jura, Soziologie, Medizin, Lehramt – ganz egal, denn an der Uni Frankfurt zählt Exzellenz und Elitenbildung in (fast) allen Fächern allerhand. Bald geht’s bergauf! Die Goethe-Uni ist nämlich eine der rar gesähten Spitzenuniversitäten von morgen – effizient im Ressourceneinsatz, effektiv in der Mittelacquise, disziplinierend gegenüber den Studierenden und zum Abwinken dröge – bald das Harvard am Main, nur ein wenig provinzieller und, zugegebenermaßen, mit nicht ganz soviel Exzellenz – vor allem in der Leitungsetage, aber immerhin...

Aber wie soll das funktionieren – vom Status Quo zur Eliteschmiede? Zwei erste Schritte auf dem Weg zum Ruhm oder: Was gerade so hochschul- und wissenschaftspolitisch angesagt ist...

Achtung Satire!

Schritt 1. Den Pöbel von der Uni fernhalten, die Leistungsträger aussuchen!

Im ersten Schritt werden mehrere Module miteinander kombiniert, um möglichst effektiv das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

Modul A): Studiengebühren.

Studiengebühren sind seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Januar diesen Jahres wieder total angesagt. Nachdem in Hessen gegen den erheblichen Widerstand von Studierenden bereits sog. Langzeit- und Zweitstudiumsgebühren (sprich: Strafgebühren) eingeführt worden waren, die jede bezahlen muss, die zu lange studiert, steht uns nun die Einführung von Studiengebühren ab dem ersten Semester bevor. In Niedersachsen liegt bereits ein Gesetzesentwurf vor, mit dem JEDE Studentin mit 1000 Euro Studiengebühren pro Jahr zur Kasse gebeten werden soll – Hessen wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Junge Menschen aus ärmeren Verhältnissen werden seltener ein Studium beginnen – dass zeigen diverse Untersuchungen – und den ohnehin Privilegierten somit keine Studienplätze mehr wegnehmen. Und die Wenigen, die sich doch dazu aufraffen einen Kredit aufzunehmen, um sich die Gebühren überhaupt leisten zu können, stehen am Ende ihres Studiums, sofern sie das jemals erreichen (s. Modul C) mit einem formidablen Schuldenberg da. Unser Unipräsident, Rudolf Steinberg, spricht sich im Übrigen auch für Studiengebühren aus, wenn diese nur der geliebten Spitzenuni voll und ganz zu Gute kommen...

Modul B): Hochschulinterne Auswahlverfahren.

Ein weiterer hochschulpolitischer Hype der letzten Zeit ist die Einführung so genannter Auswahlverfahren, die in einigen Fächern mittlerweile munter praktiziert wird. Diese ermöglichen es die für die eigene Eliteuni maßgeschneiderten Studienanfängerinnen auszuwählen. Vorbei die Zeiten, in denen das Abitur jemanden zum Besuch einer Hochschule berechtigte. Jetzt gilt es auch in Motivationsschreiben, Aufnahmetests und unter Berücksichtigung des Abi-Schnitts zu beweisen, dass man der perfekte Student für das jeweilige Fach ist. Dass diese Tests – auch aus fachlicher Perspektive – unsinnig sind und keinerlei Gerechtigkeitsansprüchen gerecht werden können, stört nicht weiter: Wenigstens hat man schon von Anfang an den Daumen drauf bei der Frage, wer an der eigenen Eliteuni anfängt. Wir nehmen ja schließlich nicht jeden!

Modul C): Studienstrukturreform / BA/MA.

Wichtig für eine Elitehochschule ist ein straff organisiertes Studium, während dem die Studierenden nicht auf dumme Gedanken kommen. Die Erfahrung zeigt ja, dass Studierende ein gar undankbares Pack sind und mit kulturellem und politischen Engagement, lebensnotwendigem Geldverdienen sowie allerlei anderen Ablenkungen vom Studium nicht nur nicht so richtig funktioniert haben, sondern auch den reibunslosen Ablauf des Unibetriebs empfindlich zu stören pflegten. Mit der Einführung moderner Studienstrukturen, jetzt unter dem Label “Bachelor” und “Master” daherkommend, kann dieser Missstand abgestellt werden. In nur 6-7 Semestern müssen die jetzt so richtig ranklotzen, viel auswendig lernen und wenn sie allzuhäufig fehlen oder ihre Module nicht wie vorgesehen absolvieren, bekommen sie Maluspunkte (sowas wie Minuszeichen im Klassenbuch in der Grundschule). Bei allzuvielen Maluspunkten erfolgt dann die Exmatrikulation. Nun ja, und wer den “Bachelor” schafft, darf noch lange keinen “Master” machen – denn für den Übergang zwischen den beiden gelten bestimmte Quoten, um die zu erreichen nochmal kräftig ausgesiebt wird (s. Modul B). Jetzt mögen Medizin- und Jurastudierende denken: “Ha! Mich trifft das nicht!” - Aber seid unbesorgt – auch für euch fällt uns nochwas ein...

Schritt 2: Erfolgreiches Management etablieren, Demokratie abschaffen, Kritik verhindern!

Zum Erreichen unseres zweiten Schrittes gilt es wiederum, gar pfiffig und effektiv diverse Module zu kombinieren – damit das in Schritt 1 erreichte auch auf stabilen Füßen steht.

Modul D): Binnendemokratie abschaffen.

Ein wichtiger Baustein für unsere Elitehochschule ist die effiziente Gestaltung von Entscheidungsprozessen über die Entwicklung der Hochschule. So schön demokratische Verfahren auch sind – in einer erfolgreichen Spitzenuniversität haben sie nichts verloren. So hat die hessische Landesregierung dankenswerterweise mit ihrer absoluten CDU-Mehrheit im hessischen Landtag durch die letzte Novelle des Hochschulgesetzes (HHG) die nervigen demokratischen Restbestände fast vollständig aus den Hochschulen entfernt. Jetzt müssen auch wir an der Uni Frankfurt keine Zeit mehr mit Demokratie verschwenden. Die akademische Selbstverwaltung, in der auf Uni- und Fachbereichsebene Profs, Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und administrativ-technisches Personal gemeinsam über sie alle betreffende Belange entschieden haben, wurde de facto fast vollständig entmachtet. Stattdessen dürfen nun Präsidium und Dekanate entscheiden, was für alle gut ist – also eigentlich der Präsident. Vollen Dampf voraus im bonapartistischen Elitedampfer...

Modul E): Studentische Selbstverwaltung entmachten.

In unserer Spitzenuniversität sollen die Studierenden ja vor allem eines tun: Nach Plan studieren. Da ja ohnehin keine Zeit mehr sein wird, neben dem Studium noch irgendwelche anderen sinnvollen Tätigkeiten zu verrichten, brauchen wir auch die studentische Selbstverwaltung nicht mehr – wer soll denn da aktiv sein? Fachschaftsräte und AStA sind vollends überflüssig – wer sein Studium nicht packt, dem helfen auch keine kostenlosen Beratungsangebote und auch kein politische Interessenvertretung mehr. Und mal ganz ehrlich: Eine kritische studentische Haltung, aber auch kulturelle Projekte störten doch ebenfalls nur den Betrieb – warum sollten dafür noch Ressourcen Verfügung stehen? Nur gut, dass die hessische Landesregierung mit der letzten HHG-Novelle den Verfassten Studierendenschaften enorme Hürden für die studentischen Wahlen in den Weg gelegt hat – 25% Wahlbeteiligung muss es da geben, damit die noch voll über ihre Gelder verfügen dürfen – da werden sie schon irgendwann dran krepieren!

Modul F): Kritik verhindern.

Nun zählen ja nicht nur Studenten zu den möglichen und faktischen Kritikern und damit Bremsern unserer Vision von einer wettbewerbsfähigen Elitehochschule, sondern auch manche Profs. Vor allem das Gelümmel, das noch mit verwirrten Idealen aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts daherkommt: “Demokratie” und “Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung”, gar: “Kritik am Kapitalismus” - so ein Käse. Das braucht doch kein Mensch mehr und verdirbt Studierende und wissenschaftlichen Nachwuchs. Deswegen gilt es zu verhindern, dass solch üble Gesinnung weiterhin sich ausbreiten kann. Dankenswerterweise hat die Stärkung der präsidialen Macht im Zuge der letzten HHG-Novelle (s. Modul D) dazu geführt, dass der Präsident bei der Berufung neuer Profs ein gehöriges Wörtchen mitzureden hat. Am Fachbereich 03 der Goethe-Uni hat der Uni-Präsident Steinberg zum wiederholten Male aufgrund politischer Dünkel in Berufungsverfahren eingegriffen und Berufungen verhindert, diezu “kritisch” zu werden drohten. Er hat damit die demokratischen Entscheidungen der akademischen Selbstverwaltung schlicht ausgehebelt – aber Demokratie, dass haben wir ja erfreulicherweise bereits in der Beschreibung von Modul D festgestellt, braucht ja eigentlich kein Mensch in unserer tollen Spitzenuni. Sollen sie nur schreien, die Ewiggestrigen...

Wenn es gelingt, die obigen Module wohlüberlegt zu kombinieren, erhält man gar schnell eine moderne Eliteuniversität, die frei von störenden Elementen ihrer ureigensten Aufgabe nachgehen und kräftig Arbeitskräfte für die Wirtschaft produzieren kann – ja, ja und ein paar Schöngeister dürfen da auch drunter sein. Aber Kritiker – Kritiker wollen wir nicht so gerne haben, denn die wollen uns das nur wieder alles kaputtmachen und schaden unserem Ruf.

Alles verstanden? Ja? - Dann geh erst mal einen Kaffee trinken und bereite dich auf deinen Studienalltag vor – viel Zeit wirst du dann ja nicht mehr haben. Und denk dran: Immer schön parieren, wenn der Prof was sagt! Ja nicht aus der Reihe tanzen! Und halte dich von Demokratinnen, Sozialistinnen und anderem linken Gesocks fern, das es immer noch an dieser Uni gibt! Und ein letzter Hinweis: Wenn dein Prof das Wort “Kapitalismus” in den Mund nimmt, meld es doch gleich dem Präsidenten! So kannst du mithelfen unsere Uni fit für die Zukunft zu machen...

Eine Satire der Demokratischen Linken Liste (DL) an der Uni Frankfurt am Main

Die Gemeinschaft darf keine Maske sein, unter der der eine lächelt und der andere weint.
(Georges Pompidou)



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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