Themen


Dossiers


Artikel

UN-Sonderbericht: Hintergrund

Soziale Selektion

Einmal mehr kann vom vielbeschworenen Land der Dichter und Denker nur noch in einem ironischen Sinne die Rede sein: Es reiht sich nun ein neben Länder wie Botswana, Kolumbien und Indonesien, denn auch ihnen wurden in der Vergangenheit Besuche von der UN-Menschenrechtskommission abgestattet.

Nächstes Ziel von Vernor Muñoz Villalobos, dem UN-Sonderberichterstatter für Bildungsfragen, wird nun Deutschland sein, nachdem in der Vergangenheit immer wieder von Politikern jeglicher Lager, Wirtschaftsverbänden und natürlich dem gesamten Bildungswesen lautstark das Gut Bildung als wichtigste Ressource im globalen Wettbewerb angepriesen worden ist. Man mag von diesem Argument halten, was man will, sicher ist jedoch, dass diese Rufe mehr oder weniger ungehört verhallt sind oder höchstens noch die so genannte „Exzellenzinitiative hervorgebracht haben, eine höchst zweifelhafte und ohnehin bestenfalls als halbherzig zu bezeichnende Maßnahme der Vorgängerregierung im Hochschulbildungswesen.

Diesmal geht es allerdings nicht um globalen Wettbewerb, nicht um Exzellenz oder gar um das Ideal von Bildung als Selbstzweck, diesmal geht um Menschenrechtsverletzungen, die möglicherweise in Mitteleuropa, nicht vor unserer Haustür sondern bei uns zu Hause untersucht werden sollen. Dass Deutschland bei den vergangenen PISA-Studien schlecht abgeschnitten hat, dürfte mittlerweile fast jeder mitbekommen haben. Das für sich genommen ist schon schlimm genug. Noch bedenklicher und trauriger ist jedoch, dass hinter diesen allgemein wahrgenommenen schlechten Ergebnissen beinahe vergessen wird, wie extrem sich die sozialen Unterschiede der Schüler bei PISA immer wieder auswirken: In keinem anderen Industrieland der Welt hängt der schulische Erfolg so stark vom sozialen Hintergrund der Eltern ab wie in Deutschland. Das legt die Vermutung nahe, dass das allgemeine und fundamentale Menschenrecht auf Bildung, wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN festgelegt ist, in Deutschland nicht für alle gewährleistet ist sondern von der sozialen Stellung der Eltern abhängig ist, deren Beruf, deren Einkommen, dem allgemeinen Bildungsstand in der Familie. Speziell Migrantenkinder sind hier extrem benachteiligt, wie die Ergebnisse der Studie bereits mehrfach belegt haben.

Nach den Veröffentlichungen der PISA-Ergebnisse in der Vergangenheit ging das immer wieder durch die Nachrichten und Talkshows – und kurz darauf wieder unter: Es gerät im Zuge von wachsendem internationalen Konkurrenzdruck in der Wirtschaft und den derzeit die Medien dominierenden Massenentlassungen wieder schnell in den Hintergrund, denn immer stärker wird die wirtschaftliche Relevanz von Bildung betont – und damit verbunden ist leider meist nur der Ruf nach Exzellenz und Spitzenforschung, nach wirtschaftlich verwertbaren Patenten und Produkten von denen man sich den lang ersehnten Aufschwung erwartet. Die Breitenbildung gerät dabei mehr und mehr in Vergessenheit, die Schwachen werden noch schwächer, während die „Exzellenten“ noch weiter gefördert werden. Gegenüber den Vergleichsstudien aus den Jahren 2000 und 2003, nach denen die Benachteiligungen sozial Schwacher bereits laut und deutlich kritisiert worden sind, hat sich dieser Trend sogar noch verschärft und sich die „soziale Schere“ noch weiter geöffnet. Immer größer wird die Gruppe derer, die beim „Wettrüsten“ der Elitebildung die Verlierer sind und die nach dem Abschluss, so sie ihn erreichen, von der schulischen in die beruflich-ökonomische Chancenlosigkeit wechseln.

Beides jedoch, schulische und berufliche Perspektiven und Chancengleichheit sind Menschenrechte. Ersteres sehen die Vereinten Nationen nun offenbar bedroht, denn der Sonderberichterstatter soll herausfinden, wie in Deutschland das Recht auf Bildung in allen Bevölkerungsschichten umgesetzt ist und wie speziell die massiven Missstände auf diesem Gebiet, die seit den Vergleichsstudien bekannt sind, angegangen und verbessert werden. Zu diesem Zweck beginnt Villalobos am 13. Februar seine siebentägige Reise durch Deutschland, bei der er Ministerien, Behörden, Forschungsinstituten und Bildungsorganisationen sowie Schulen und Kindergärten besuchen wird. Neben der zentralen Frage nach der Situation von Kindern aus einkommensschwachen Elternhäusern, Migrantenkindern und Behinderten in der Schule stehen auch die Themen Vorschulerziehung, Studienmöglichkeiten sowie die Menschenrechte als Unterrichtsstoff auf der Agenda.

Das was geschieht, geschieht nicht, weil einige es wollen das es geschieht, sondern weil die Mehrzahl der Menschen ihren Willen ausschaltet und es geschehen lässt.
(Gramsci)



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


219 Hintergrundartikel
in 40 Themen

Wähle einen Ort: