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"Unsere Stärke ist die Breite"

Hochschulreform

Eliteforscher Hartmann prophezeit eine zweigeteilte Universitätslandschaft mit einem ungleichen Wettbewerb

taz: Herr Hartmann, wieso freuen sie sich nicht darüber, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft nun 1,9 Milliarden Euro an Eliteunis verteilt?

Michael Hartmann: Vorweg: Deutschland ist von der Anzahl der Hochschulen auf Platz 2 in den Top 500 der Welt – unsere Stärke ist die Breite. Bei der Initiative muss man sich auch fragen, ob das Geld wirklich ausreicht, stärker in die Top 50 vorzustoßen. Da gibt es ein klares Nein. Vergleichen Sie etwa meine Uni Darmstadt mit der ETH Zürich, die auf Rang 27 steht. Da steht es ungefähr 200 Millionen zu 700 Millionen Euro, obwohl Darmstadt 50 Prozent mehr Studierende hat. Da würden 21 Zusatzmillionen nicht viel ändern. Man muss sich fragen, ob das Ziel “Elitebildung” richtig ist: Wir brauchen Geld für den Studentenzuwachs in den kommenden Jahren.

taz: Die Politik will mehr Spitzenforschung, klar. Das ist ja eine sinnvolle Veränderung.

Michael Hartmann: Nein, in erster Linie werden wir eine zweigeteilte Universitätslandschaft bekommen, mit einem ganz und gar ungleichen Wettbewerb, verursacht durch die Fördermillionen und durch die Exzellenz-Urkunden.

taz: Was ist denn so schlecht an universitärem Wettbewerb?

Michael Hartmann: Die vielen Verlierer. In 10 Jahren werden wir 25 forschende Unis haben. Die restlichen 75 Unis werden im Kern nur noch ausbilden. Das werden bessere Fachhochschulen sein, wo Studenten massenhaft durch ihre verschulten Bachelor-Studiengänge gejagt werden. Dadurch wird insgesamt das Leistungsniveau der Universitäten auch in der Forschung sinken.

taz: Die meisten Studierenden gehören keiner akademischen Elite an, die werden sich freuen, wenn sie an expliziten Ausbildungs-Unis sind.

Michael Hartmann: Es ist eine Illusion, zu glauben, dass die 75 Rest-Unis künftig bessere Ausbildung bieten. Das Geld reicht angesichts zu erwartender Studentenzahlen nicht mal, um das jetzige schlechte Niveau zu halten. Und spätestens in den Hauptseminaren profitieren Studenten von Dozenten, die forschen und das aktuelle Wissen weitergeben.

taz: Sie kritisieren, dass “Elite” nicht gleichbedeutend mit Spitzenforschung ist.

Michael Hartmann: Elite bedeutet eine bewusste Abgrenzung einer Gruppe gegenüber dem Rest. Spitzenforschung ist dagegen herausragendes Arbeiten einzelner Wissenschaftler in einem weltweiten Verbund. Daher ist es Unsinn, ganze Universitäten mit der Plakette “Exzellenz” zu versehen.

taz Nr. 8099 vom 14.10.2006, Seite 2, 82 Interview MAX HÄGLER



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